Kübeltour Libyen 99
Aufwärmen in Tunesien Bilanz der Tour

Ab nach Libyen

An der Grenze schließlich holt uns die Bürokratie wieder ein. Vor der Einreise nach Libyen muß man eigens eine Haftpflichtversicherung abschließen, libysche Nummernschilder und ein Carnet de Passage erwerben. Letzteres ist eine Art Zollerklärung, in der man sich verpflichtet, das eingeführte Auto auch wieder auszuführen. Dabei muß man unter anderem die Anzahl der Reserveräder, ob man ein Radio hat und die Farbe der Sitze(!) angeben.

Alles muß man leider mit offiziell gewechseltem Geld oder gar nicht-libyschen Devisen bezahlen, wobei ich mangels Kenntnissen von Sprache und genauem Ablauf und Kosten der Formalitäten verunsichert bin und befürchte, irgendwie beschissen zu werden. Letztlich allerdings unbegründet; alles klappt weitgehend reibungslos. Auch die Zollkontrolle ist unproblematisch - es gibt nämlich keine.

Nach einem Abstecher nach Sabrata, einer weiteren römischen Ausgrabungsstätte, haben wir genug von der Zivilisation und fahren direkt nach Süden in die Sahara.

Nun stelle man sich vor, man fährt z.B. von München nach Köln. Auf einer miserablen, holprigen Schotterstraße - kein Vergleich mit den brettebenen Feldwegen in Deutschland! Teilweise ist die Straße derart schlecht, daß man besser daneben fährt. Oft genug befindet man sich in der eigenen Staubwolke. Durchschnittsgeschwindigkeit sind 30 km/h im zweiten Gang. Auf der ganzen Strecke gibt es keinen Ort, keine Tankstelle, keinen Laden. Man sieht zwei oder drei Autos und fünf Menschen. Sonst nur Felsen, Steine, Sand und hin und wieder mal einen verdorrten Strauch oder eine Akazie. Allerdings gibt es auf halber Strecke eine Polizeikontrollstelle(!!) und einen Brunnen. Das ist die Pistenstrecke von Darj nach Idri!

Nachdem beide Tanks und die Reservekanister befüllt sind, geht's los. Noch nie hat mir Tanken so viel Spaß gemacht. Für über 100 Liter zahlt man in Libyen umgerechnet etwa 12 DM!

Schon bald bestätigt sich, was wir erwartet hatten: der Staub kommt ÜBERALL hin. In Augen/Nasen/Ohren, ins Essen, in die Unterhose, in den Fotoapparat. Das GPS-Gerät müssen wir streckenweise alle paar Minuten abwischen, um die Anzeige noch ablesen zu können.

Nach nur 50 km entdecke ich, daß der Stoßdämpfer hinten rechts abgebrochen ist! Bedingt durch den Umbau der Hinterachse sind die hinteren zu kurz und werden ständig auf Zug belastet. 

Auf der linken Seite haben wir nun auch noch die Stoßdämpfer-Schraube mit Mutter und Abstandshülse verloren. Die Suche nach Ersatz gestaltet sich schwierig. Bald ist ein halber Ort für uns unterwegs. Von Schrottplatz zu Werkstatt zu Eisenwarenhändler geht die Odyssee. Dabei lernen wir einen Libyer kennen, der sehr gut englisch spricht und uns später zum Essen und Übernachten einlädt. Wie sich herausstellt, ist er der Bürgermeister.

Die direkte Durchquerung des Idhan Ubari (ein Sanddünengebiet) scheint uns mit dem Kübelwagen doch etwas gewagt, also fahren wir außen rum.

Im Idhan Ubari liegen die sogenannten Mandara-Seen, die von Grundwasser gespeist werden. Die sind unser nächstes Ziel. Sowohl Einheimische als auch andere Touristen sind fest überzeugt, daß das mit SO einem Auto nicht zu schaffen ist.

Wenn man nicht so doof ist wie wir, kann man es aber schaffen. Wir lassen diesmal zunächst viel zu wenig Luft aus den Reifen (1. Fehler) und müssen daher ständig mit Vollgas fahren und dürfen nicht stehenbleiben.

So fahren wir mit viel Schwung über die Dünen und folgen dabei einer Motorradspur (2. Fehler). Leider kann man mit einem Auto bei weitem nicht so gut springen wie mit einem Motorrad, so daß uns eine Abbruchkante zum Verhängnis wird.

Mit etwa 30 km/h schlagen wir fast senkrecht im Sand auf; viel fehlt nicht für einen Überschlag. Das ganze Gepäck fliegt aus der Kiste über unsere Köpfe in den Sand. Borko verletzt sich an den Beinen - zum Glück ohne Brüche. Mir passiert fast gar nichts. Aber das Auto...

Front völlig deformiert, die Stoßdämpfer haben die Radhäuser durchstochen, Schweißnähte im Kofferboden gerissen. Der ganz Vorderwagen ist nach oben geknickt, so daß die vorderen Türen nicht mehr passen, an der C-Säule sind Risse in der Karosserie, der Rahmentunnel ist gestaucht, die Kupplung funktioniert nicht mehr. Ein weiteres Wrack in der Sahara?

Nein! Zwei Tage harte Arbeit, mit Hammer und Seilwinde bearbeiten wir den Vorderwagen, obwohl Borko kaum laufen kann, dann ist die Karre wieder halbwegs fahrbereit.

Die Kupplung reparieren wir auf einem Campingplatz. Dafür muß bekanntlich der Motor ausgebaut werden. Glücklicherweise (wie oft denn noch?) ist nur das Ausrücklager herausgefallen.

Am vierten Tag nach dem Unfall nehmen wir zum zweiten Mal Anlauf zu den Mandara-Seen. Diesmal mit Erfolg! Andere Besucher, die mit Allrad-Fahrzeugen angereist sind, können es nicht fassen und schütteln ungläubig den Kopf.

Die Reisetüchtigkeit ist kaum eingeschränkt (die Lenksäule schleift ein wenig an der Karosserie, die Scheinwerfer sind hin und die Türen passen schlecht). Wir trauen uns also, auch noch das Wadi Mathendoush aufzusuchen, wo es faszinierende Felsgravuren aus der Steinzeit geben soll.

Tatsächlich wimmelt es in der Gegend nur so von den Felsbildern, wenngleich man den Blick erst etwas schulen muß, um sie aus der Ferne zu entdecken.

Ohne besondere Komplikationen erreichen wir den Campingplatz wieder. Von dort schlagen wir dann bald wieder die nördliche Richtung ein. Nach Tripolis sind es rund 1000 km. Auf einem 500 km langen Teilstück kommt man durch drei Orte mit jeweils vielleicht ein paar 1000 Einwohnern.

Tripolis bietet zwar durch den ultrachaotischen Verkehr einigen Nervenkitzel, ist aber nur bedingt sehenswert. Im Volkskundemuseum funktioniert (natürlich) so gut wie nichts von der ganzen akustisch-visuellen Technik, die Altstadt ist ziemlich klein.

Die Reise geht zügig zurück nach Tunesien. Hinter der Grenze trifft man wieder die Geldscheinbündelwinker. Unser mittlerweile erworbenes Verhandlungsgeschick und unsere Unverfrorenheit ermöglichen es, die übrigen lybischen Dinar fast ohne Kursverlust in tunesische zurückzuwechseln!

In Nabeul verbringen wir noch ein paar geruhsamere Tage bei meinem Bekannten. Insbesondere machen wir einen Tagesausflug nach Tunis. Im Basar gelingt es uns mit den angeeigneten Arabisch-Kenntnissen schon recht gut, aufdringliche Ladenbesitzer schnell loszuwerden. "Rali jiddan! La, la, shukran! Mnhebbish!" Sehr teuer! Nein, danke! Ich möchte nicht!

Am 13.11.1999 hat uns Deutschland wieder - mit Frost und Schneefall.

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